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Der Ex-Spitzenleichtathlet Dave Dollé ist Botschafter des Zürcher Kantonalturnfests 2011

"In den Turnvereinen erhielt ich die Basis für meine Erfolge"

Dem OK des Zürcher Kantonalturnfests 2011 ist es gelungen, einen prominenten Botschafter zu verpflichten: Dave Dollé. Im Interview sagt der Schweizer Rekordhalter über 100 Meter, warum die Spitze im Schweizer Sport nicht dichter ist, er gibt Tipps für das Turnfest und verrät, was er von Chicken Nuggets hält.

Von Patrick Schmid & Marc Schadegg

Dave Dollé, Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Haben Sie überhaupt Zeit, sich für das Zürcher Kantonalturnfest, das 2011 in Wädenswil und Horgen stattfinden wird, zu engagieren?
Mein Ziel ist es ohnehin, die Anzahl Stunden, die ich als Personal Trainer gebe, zu reduzieren, damit ich für anderes mehr Zeit habe – wie zum Beispiel fürs Turnfest.

Warum haben Sie sich bereit erklärt, für das KTF als Botschafter aufzutreten?
Weil ich mich noch mit dem linken Zürichseeufer verbunden fühle, ich bin dort aufgewachsen. Für einen gleichwertigen Anlass in einer anderen Region, mit der ich nichts zu tun habe, hätte ich kaum zugesagt.

Sie waren als Jugendlicher Mitglied in diversen Turnvereinen am linken Zürichseeufer. Welche Bedeutung hatte diese Zeit für Ihre spätere Entwicklung zum Spitzensportler?
Ganz wichtig war, dass ich regelmässig trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen, mich mit Gleichaltrigen auch aus anderen Regionen messen konnte. Grundsätzlich galt für mich wie für alle anderen in der Schweiz: Der Einstieg in den Sport erfolgt über die Vereine.

Dies im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wo der Sport in der Schule einen viel grösseren Stellenwert hat als hierzuland.
Richtig, und das ist ein grosses Problem für den Schweizer Spitzensport. In den USA zum Beispiel muss man keine Abstriche in der Schule machen, um viel Sport zu treiben. Dort kann man mehrere Halbtage pro Woche trainieren – bei uns haben die Schüler nur einige wenige Turnstunden. Ausserdem gibt es in Amerika auch schon bei den 7-Jährigen viele Mannschaften, die sich an Wettkämpfen messen. In der Schweiz ist alles ausserhalb der Schule organisiert. Das macht es schwieriger.

Ist das ein Grund dafür, dass die Spitze im Schweizer Sport relativ dünn ist?
Sicher. Die Spitze kommt aus der Breite. Talente hat es genug, aber man muss sie professioneller und früher fördern, schon die 12-Jährigen. Würde man den Sport stärker in den Schulen verankern, könnte man deutlich mehr von ihnen in den Spitzensport führen. Und alle jene, die nicht Profisportler werden, haben noch immer die gesundheitlichen und sozialen Vorteile des Sports. Ausserdem spielt die Bewegung auch eine wichtige Rolle für die kognitive Leistungsentwicklung.

In der Schweiz wird Sportler aber nicht als «richtiger» Beruf angesehen – Eltern und Öffentlichkeit erwarten da eher eine akademische Laufbahn.
Es ist in der Schweiz halt auch sehr schwierig, mit Sport Geld zu verdienen. Man muss schon weit nach oben kommen, damit es sich finanziell lohnt, damit sich genügend Sponsoren finden lassen und man einigermassen Preisgelder einheimsen kann.

Können Sie aus dieser Perspektive den Entschluss des Schweizer Sprint-Talents Marco Cribari verstehen, der sich kürzlich mit 24 Jahren vom Spitzensport zurückgezogen hat, um sich auf sein Studium zu konzentrieren?
Was ihn zum Aufhören brachte, weiss ich nicht, aber ich finde es schade. Er hatte ein grosses Potenzial, hatte auch schon gute Resultate erzielt und sicher noch nicht seinen Zenit erreicht. Aber es geschieht oft, dass jemand auf dem Weg vom Talent zum Spitzenathlet hängenbleibt. Es kann so viel dazwischenkommen – Verletzungen, finanzielle Probleme, plötzliches Desinteresse oder Wegzug. Eben darum ist eine viel breiter angelegte Talentförderung nötig. Es funktioniert selten, dass man ein einziges Talent aus der Retorte an die Spitze führen kann.

Im Trainings- und Ausbildungszentrum in Magglingen kann man seit einiger Zeit eine Lehre und Spitzensport kombinieren. Was halten Sie davon?

Dieser Ansatz ist richtig, aber wie gesagt, man müsste das Ganze viel grösser fahren. Ein zweiter grosser Stützpunkt wäre gut – und der sollte an einem Ort sein, in dem man nebenbei noch leben kann. Magglingen in Ehren, ich war einige Male dort oben, aber ich fand es dort als Jugendlicher schwer auszuhalten – es ist fast das Ende der Welt.

Es braucht sicher auch mehr Trainer.
Und zwar vor allem solche mit Erfahrungen auf hohem Niveau. Die meisten Leichtathletik-Trainer in der Schweiz arbeiten ehrenamtlich, und damit treten wir dann gegen die professionelle Konkurrenz aus dem Ausland an – das kann ja nicht funktionieren.

Und wer soll das finanzieren?
Zum grössten Teil der Bund. Denn Spitzensportler sind Zugpferde, haben eine wichtige Vorbildfunktion: Roger Federer zum Beispiel motiviert unglaublich viele Kinder und Jugendliche, Tennis zu spielen. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Gesundheitskosten aus.

Wie kann ein Trainer in einem Dorfverein zu einer dichteren Spitze im Schweizer Sport beitragen?
Er muss ehrlich zu sich selbst sein und merken, wenn er über zu wenige Kenntnisse und Erfahrungen verfügt, um ein Talent noch weiter zu bringen – und es dann in professionelle Hände übergeben. Oft fällt es jemandem aber schwer, «seinen» Zögling, den er vielleicht schon trainiert, seit dieser ein kleines Kind war, «herzugeben». Das ist verständlich – aber ein guter Trainer schaut, was dem Athleten am meisten bringt. Natürlich aber muss die Initiative auch vom Sportler aus kommen.

Sie sind schon vor Jahren vom Spitzensport zurückgetreten. Verfolgen Sie die Leichtathletik-Szene heute noch mit?
Ich informiere mich über die Resultate. Die Schweizer Szene ist zwar relativ schwach, dennoch schaue ich ab und zu rein, um zu sehen, ob sich neue Athleten in die internationale Szene vorarbeiten. Dann wird es richtig interessant. Aber ich kann nicht in Begeisterung ausbrechen, wenn jemand die 100 Meter in einer Zeit um 10,50 Sekunden läuft.

Das hat für Sie immerhin den Vorteil, dass Ihr Schweizer Rekord über 100 Meter seit fast 15 Jahren Bestand hat.
Einerseits freut mich das zwar, doch andererseits: Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Meine Zeit von 10,16 ist anständig, aber sämtliche Landesrekorde rund um die Schweiz liegen darunter. Und ich laufe schon lange nicht mehr, habe mich anderweitig etabliert – insofern würde es mich auch nicht wahnsinnig stören, wenn ich den Rekord nicht mehr hätte.

Sie sprechen von Ihren beiden erfolgreichen Fitness-Studios. Hat Ihnen Ihr Rekord beim Aufbau geholfen?
Vor allem zu Beginn war das schon ein Faktor. Zum Beispiel, was Anfragen und die mediale Präsenz anbelangte. Mittlerweile ist der Titel aber kaum mehr relevant.  

Was empfinden Sie, wenn Sie Usain Bolt sprinten sehen? Bewunderung, Faszination oder doch eher Skepsis?
Vor allem Faszination. Bolt dominiert alle anderen in einer Weise, wie es das noch nie gegeben hat. Wie wenn Roger Federer alle Grand-Slam-Finals 6:0, 6:0, 6:0 gewinnen würde. Natürlich: Angesichts der Tatsache, dass er so viel schneller ist als alle anderen, spricht relativ wenig dafür, dass er absolut clean ist. Das waren aber bekanntlich viele der vorgängigen Weltrekordhalter auch nicht – und trotzdem pulverisiert er deren Zeiten.

Als Personal Trainer achten Sie auf Ihre Ernährung. Was sagen Sie dazu, dass Usain Bolt nach jedem Sieg Chicken Nuggets isst?
Es ist nicht wirklich relevant, ob er Chicken Nuggets, einen Burger oder Pasta isst. Junkfood enthält vielleicht etwas wenig Vitamine, aber die Energie verbraucht er ja, nur schon wegen seiner Grösse von 1,96 Meter. Natürlich kommt es auch auf die Sportart an: Einem Mittelstreckenläufer liegen Chicken Nuggets womöglich schwer im Magen, ein Sprinter ist da weniger empfindlich.

Die Ernährung an einem Turnfest ist in der Regel auch nicht gerade gesund: Alkohol, Würste, fettige Pommes. Dda müssten Ihnen doch die Haare zu Berge stehen.
Überhaupt nicht. Das Turnfest ist ein Breitensport-Anlass: Die Leute wollen nicht Weltklasse-Leistungen erbringen, sondern Spass haben. Der soziale Aspekt ist wichtiger als der sportliche – dagegen ist nichts einzuwenden. Ausserdem trinken auch Spitzensportler nach dem Wettkampf ein Bier.

Wenn sich jemand nun seriös auf das Turnfest vorbereiten, auf ein Ziel hinarbeiten will – ein Tipp vom Profi?
Am wichtigsten ist es, dass man sich informiert, wie man richtig trainiert. Ein Mittelstreckenläufer, der wie ein Sprinter arbeitet, wird sein Ziel verfehlen.

Sie haben selber an einigen Turnanlässen teilgenommen, auch an grösseren Turnfesten. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Das ist schon lange her. Ich war vielleicht 14, 15 Jahre alt. Es war immer ein tolles Fest, manchmal war ich sogar ein wenig überfordert ob der vielen Eindrücke, es war fast wie eine neue Welt – das war gleichzeitig aber auch faszinierend.

Zum Abschluss drei Sätze, die Sie bitte vervollständigen: In Ihrer Zeit in der Jugendriege des Turnvereins machte mir am meisten Spass…

…dass ich zu den Besseren gehörte.

Chicken Nuggets esse ich…
…sehr selten. Ich kann mich nicht daran erinnern, in den letzten zehn Jahren welche gegessen zu haben.

Als Botschafter wünsche ich mir fürs KTF 2011…
…Wetter vom Feinsten. Wenn das Wetter stimmt, wirds ein riesiges Fest.